Träume, Ziele, Pläne. Wozu sind sie gut und was davon bleibt übrig?

Mein Magen knurrt. Ich kann förmlich zusehen, wie die nächtliche Dämmerung verschwindet, der gerade noch dunkle Himmel hängt voller Wolken, da durchzieht ihn ein rosa Streifen und plötzlich ist es hell – EIN NEUER TAG!

Es ist lange her, dass ich einen Tagesanbruch so bewusst erlebt habe. Ich glaube ich war 17 und auf einem Jugendlager, damals hatten wir als Gruppe eine Wanderung in die frühen Morgenstunden hinein gemacht. Als die Sonne aufging, war das einfach unbeschreiblich. Heute, mehr als 30 Jahre später, ist es anders und dennoch spüre ich wieder diese Kraft des neuen Morgens. Ich bin viel zu früh aufgewacht, eine Stunde lang habe ich gehofft, wieder weiterschlafen zu können, aber daraus wurde nichts. Also bin ich aufgestanden, habe mir eine Tasse Tee gemacht und in der neuen Zeitschrift geblättert, die ich mir gestern gekauft habe: das neue WOMAN-VIVA. Ich bin ein bisschen neugierig, wie sich das neue Magazin vom bisherigen WOMAN unterscheidet, es verspricht: „mehr Tiefgang für die beste Zeit im Leben!“  Außerdem wurde ich zu dem Artikel: Mit 25 wollte ich…. Was von unseren Träumen übrigblieb, von der Redakteurin über meine Erfahrungen als Life Coach befragt.

Dass ich neugierig bin, kommt mir in meiner Arbeit als Coach zugute, heute hat mir diese Eigenschaft besondere Morgenstunden gezaubert. Ich genieße die Ruhe und Stille. Es ist Samstag früh, ich habe frei, ein entspanntes Wochenende liegt vor mir. Die Heizung rauscht. Im Nebenzimmer schläft meine Tochter. Ich blättere und schmökere.

Schon bin ich vertieft in die Geschichten der 5 Frauen, die erzählen, wovon sie in ihren 20ern geträumt hatten und was daraus geworden ist. Welche Wünsche sie geleitet haben, was sie zurückgelassen haben, was sie noch angehen wollen. Ich finde Lebensgeschichten einfach spannend. Das ist das Schöne an meinem Beruf, mit Menschen diese besonderen Momente des Erzählens, Suchens und Erkennens erleben zu können. Immer wieder festzustellen, dass im Grunde alles da ist, um ein gelungenes, erfülltes Leben zu führen. Dass es vielleicht die Entscheidung, den Mut, ein offenes Gespräch im vertrauten, geschützten Rahmen braucht, wo man einfach einmal alles aussprechen und mit ehrlichem Blick betrachten darf. Wenn wir dann unsere Wünsche, Träume, uns selbst und unser Leben wirklich ernst nehmen, kommt der Stein meist ins Rollen. Das kann ich auch in diesen Geschichten wiedererkennen. Angeregt von den Lebenserfahrungen dieser Frauen, schweife ich unweigerliche in meine eigene Vergangenheit ab.

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In Gedanken durchstreife ich mein Leben, wie ein altes Fotoalbum. Wie war ich mit 25? Welche Träume, Wünsche hatte ich? An oberster Stelle stand die Geborgenheit einer Familie! Ich sehnte mich danach, weil sie mir in meiner Kindheit fehlte. Deshalb habe ich früh geheiratet und jung meine ersten beiden Töchter bekommen. Das war das Wichtigste für mich damals, alles andere hatte Zeit. Der Plan war, wenn sie groß sind, habe ich noch das ganze Leben vor mir! Es kam dann anders. Der frühe Tod meines Mannes ließ meine gerade aufgebaute Welt wie ein Kartenhaus einstürzen. Danach war stark sein gefragt oder eigentlich war das vermutlich schon davor mein Lebensmotto.

In den Jahren danach organisierte ich mein Leben mit meinen Kindern und meinen besten Freundinnen und deren Kindern so, dass wir alles unter einen Hut bekamen: jede Menge Spaß, Unternehmungen, die Kids hatten sich uneingeschränkt zum Spielen, es wurde gemeinsam gekocht, gegessen, das war geselliger und effizienter – wir teilten unseren Alltag! Nebenbei – wie das in den 80er und 90ern für viele Frauen so üblich war – haben wir unsere beruflichen Ambitionen ausgebaut. Ich begann zu studieren, meine Freundin verwirklichte ihren Traum und startete eine Karriere als Einrichtungsberaterin in einem der besten Häuser Wiens. Zusammen hatten wir 5 Kinder. Wir haben die genussvollsten Tafelrunden gezaubert und traditionelle Herbstessen, mit unseren legendären Maronibällchen, eingeführt. Wir haben uns gegenseitig unterstützt. Ich habe neben 2 Kindern und Teilzeitjob mein Studium absolviert. Gelernt wurde, wenn die beiden schliefen.

Ich denke trotz aller Erschütterungen und kräfteraubenden Grenzgänge, die wir beide damals zu meistern hatten, gerne an diese intensive Lebensphase zurück und möchte nichts davon missen. Oder doch. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, ich hätte weniger Selbstzweifel gehabt, mir erlaubt, Druck und Tempo etwas herauszunehmen und mehr genießen zu können, was wir tagtäglich an- und miteinander hatten. Die Bilder und Gefühle aus diesen Jahren sind ein Gemisch aus Druck und Schmerz,  durchdrungen von wildem Kindergeschrei, herzhaften Lachen und dem tiefen Gefühl, nicht allein, sondern verbunden zu sein. Dann kam wieder eine Wendung, wie das eben so ist im Leben. Meine Freundinnen verschlug es in andere Bundesländer und es wurde plötzlich still. Ich fühlte mich erstmals ganz auf mich allein gestellt.

Eine neue Liebe und die Entscheidung für ein gemeinsames Kind, meine jüngste Tochter, das ist die, die im Nebenzimmer schläft :), warf somit auch die Vorstellung, wie mein Leben mit 40+ aussehen könnte über den Haufen. Beruflich habe ich mich in all den Jahren ständig weitergebildet, als Trainerin, pädagogische Fachberaterin und zuletzt als Pädagogin in der Familienintensivbegleitung gearbeitet. Vor einigen Jahren habe ich das Angestelltenverhältnis aufgegeben und mir den Traum von der eigenen Praxis als Life Coach erfüllt. Heute kann ich das tun, was ich am liebsten mag: gute Gespräche mit Menschen führen, die ihr Leben überdenken und das eine oder andere verändern möchten. In meinen Coachings bitte ich meine Klienten manchmal einen Blick als weiser, älterer Mensch mit 80, 90 Jahren auf ihr Leben zu richten und frage sie, worauf sie dann gerne zurückblicken möchten.

In wenigen Wochen werde ich 50 und wenn ich zurückschaue, stelle ich fest, dass zwar einiges ganz anders gekommen ist, als ich mir das mit 20 vorstellen konnte, dass ich meine großen Wünsche immer verfolgt und letztlich auch verwirklicht habe. Ich spüre, wie sehr mich das Leben, das ich gelebt habe, erfüllt und zufrieden macht. Meine Träume und Ziele haben mir eine Richtung vorgegeben, waren mir Motor, Ansporn und Erfolgserlebnis.

Ich tauche wieder auf und komme zurück in die Gegenwart, atme tief durch und schon regt sich wieder die Neugier und ich frage mich, was wohl noch kommt? Dabei bemerke ich, dass ich heute viel entspannter bin. Mit zunehmenden Alter wird das Leben bewusster und kostbar, ist meine Erfahrung. Ich weiß, worauf ich vertrauen kann und dass es immer einen Weg und eine Lösung gibt. Und mittlerweile haben sich die Selbstzweifel, der Druck und das Tempo deutlich gemildert. Ich freue mich auf die nächste Lebensphase.

Und Du? Hattest Du/hast Du Träume? Konntest Du einige davon verwirklichen? Das Jahr ist ja noch jung oder „wir haben noch das ganze Leben“ wie Julian le Play so schön singt! Vielleicht ist gerade jetzt eine gute Zeit Dir Gedanken zu machen, über Dein „WOHER – WOHIN – WOZU“?

Ich freue mich, wenn Du Deine Erfahrungen mit mir teilen möchtest.

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